Ich leiste. Also bin ich. Vom Leisten ins Sein, in die Selbstakzeptanz.
Ich leiste. Also bin ich.
Wenn ich nichts leiste, wer bin ich dann?
Wir haben gelernt zu leisten. Wir lernen früh, Erwartungen zu erfüllen: gute Noten, Ausbildung, Studium, Beruf, Verlässlichkeit, Erfolg. Wir werden gelobt, wenn wir etwas schaffen. Wir werden gesehen, wenn wir etwas können. Und irgendwann etabliert sich still und heimlich ein innerer Satz:
Ich bin wertvoll, wenn ich etwas leiste.
Dann tut sich im Leben eine lange Liste von Aufgaben auf. Wir funktionieren, organisieren, planen, optimieren, tauchen ein in Muster und Gedankenschleifen. Selbst in der Freizeit dominiert der Zweck: Sport für die Gesundheit, Meditation für die Entspannung, Urlaub für die Erholung.
Und irgendwann stellen wir fest: Ich kann noch so viel tun, immer wieder begleitet mich das Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Sein bedeutet nicht, nichts zu tun.
„Ins Sein kommen“ klingt nach Rückzug, nach Passivität, nach einer weiteren esoterischen Übung, die man nun auch noch richtig machen soll.
Sein bedeutet nicht, nichts zu tun.
Es bedeutet, nicht ständig etwas aus sich machen zu müssen.
Für einen Moment nicht besser werden müssen. Nicht produktiver. Nicht gelassener. Nicht erfolgreicher. Nicht attraktiver. Nicht interessanter. Einfach da sein.
Der Dichter Rainer Maria Rilke beschreibt diesen Gedanken auf wunderbare Weise:
„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.“
Entwicklung ist nicht immer ein gerader Weg. Vielleicht besteht sie darin, weiter zu werden, statt besser werden zu wollen.
Heimlich schnappt sie zu, die Falle der Selbstoptimierung.
Selbstliebe ist zu einem weiteren Projekt geworden. Wir sollen uns selbst annehmen, unseren Körper lieben, unsere Bedürfnisse erkennen, Grenzen setzen, achtsam sein und unseren inneren Kritiker beruhigen. Und plötzlich steht da wieder eine Aufgabe: „Ich muss mich endlich selbst lieben!“
Doch damit wiederholen wir genau das Muster, aus dem wir herauswollen. Selbstliebe lässt sich nicht erzwingen. Vielleicht beginnt Selbstliebe viel unspektakulärer. Mit Selbstakzeptanz. Mit Selbstfreundschaft. Vielleicht beginnt sie mit dem Satz: „Ich muss mich nicht großartig finden, um gut mit mir umzugehen.“ Vielleicht ist das eine der tiefsten Formen von Selbstliebe:
Wenn ich müde bin, nehme ich diese Müdigkeit wahr. Wenn mir etwas zu viel wird, nehme ich es ernst. Wenn ich traurig bin, muss ich mich nicht sofort ablenken. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, muss ich mich nicht zusätzlich bestrafen. Wenn ich Nein sagen möchte, darf ich Nein sagen.
Und wenn ich gerade nicht weiß, was ich will, muss ich nicht sofort eine Antwort produzieren. „Ich stehe auch dann auf meiner Seite, wenn ich gerade nicht wunderbar bin.“
Wahr nehmen statt urteilen.
„Kann ich für einen Moment einfach wahrnehmen, wie es mir geht?“
Damit verändert sich etwas Entscheidendes. Ich werde nicht mehr zum Projekt. Ich werde zum Menschen. Manchmal braucht es dafür keine große Meditation, ein paar Minuten reichen: frei von Handy, frei von Berieselung, frei von Bildern und Infos, frei von Aufgaben. Welche Empfindungen, welche Gefühle tauchen auf, was brauche ich in diesem Moment?
Ruhe, einen Spaziergang, ein Glas Wasser, vielleicht gar nichts. Vielleicht einfach fünf Minuten, in denen die Leistung dem Sein weicht. Nicht als Methode zur Selbstoptimierung. Sondern als Erfahrung: Ich darf da sein.
| Leisten | Sein |
| „Ich muss…“ | „Ich bin…“ |
| Ziel, Ergebnis | Erleben, Gegenwart |
| Bewertung | Wahrnehmung |
| Anspannung | Verbundenheit |
| „Bin ich gut genug?“ | „Wie geht es mir gerade?“ |
Nichtstun allein führt nicht automatisch ins Sein. Man kann auch auf dem Sofa liegen und innerlich weiter Leistung erbringen.
Ich bin. Aus diesem Sein heraus handeln.
Leistung darf wichtig sein. Arbeit darf Freude machen. Ziele dürfen verfolgt werden. Entwicklung darf stattfinden. Aber sie müssen nicht darüber entscheiden, ob wir uns selbst etwas wert sind. Wir dürfen etwas leisten, ohne unseren Wert daran zu hängen. Wir dürfen scheitern, ohne uns selbst zu verlieren. Wir dürfen erfolgreich sein, ohne uns darin zu verlieren.
Und wir dürfen manchmal einfach sitzen, atmen, schauen, hören, für einen Augenblick nichts aus uns machen. Und vielleicht ist Selbstliebe am Ende gar kein großes Gefühl. Vielleicht ist sie eine stille Entscheidung: Ich bin bei mir.
Sie wollen ins Sein kommen, sich auf Ihre Gefühle einlassen? Machen Sie eine Psychotherapie. Eine Psychotherapie in Linz. Schicken Sie mir eine Mail, wolfgangrodlauer@wolfgangrodlauer.at oder Sie rufen mich an, 0699 10052818.
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